Kategorie: Branchen-Guides
37 % des Budgets gehen in technisch komplexen Projekten verloren.[^1] Im Sondermaschinenbau entsteht dieser Verlust nicht am Ende, sondern in den ersten vier Wochen — dort, wo verbindlich kalkuliert wird, obwohl das Wissen über die Maschine seinen Tiefpunkt hat. Alles, was danach passiert, ist Reaktion auf eine Zahl, die nie überprüft wurde.
Wen trifft das und mit welcher Konsequenz?
Der Fall ist immer derselbe. Ein Sondermaschinenbauer mit 80 bis 300 Mitarbeitern führt 8 bis 25 Projekte parallel, jedes zwischen 400.000 und 4 Mio. Euro, kalkulierte Marge zwischen 8 und 14 %. Der Auftragsbestand sieht gesund aus. Die Nachkalkulation zeigt 12 bis 18 Monate später ein anderes Bild.
Betroffen sind drei Rollen mit unterschiedlicher Sicht auf dieselbe Lücke. Der Projektleiter kennt die Überschreitung, hat aber keine Zahl, mit der er sie belegen kann, solange das Projekt läuft. Der technische Leiter sieht Stundenkonten, die überziehen, ohne dass jemand die Ursache zuordnen kann. Die Geschäftsführung erfährt das Ergebnis, wenn es nicht mehr veränderbar ist.
Die Konsequenz ist nicht ein einzelnes defizitäres Projekt. Sie ist eine Kalkulationsgrundlage, die sich nicht verbessert. Wer Abweichungen nur als Projektsumme kennt und nicht als Muster nach Phase und Ursache, kalkuliert das nächste Projekt mit denselben Annahmen wie das letzte.
Was belegen die Zahlen zur Budgettreue?
Die Ausgangslage ist gut dokumentiert. Große Technologieprojekte liegen im Durchschnitt 45 % über Budget und 7 % über Zeit und liefern 56 % weniger Wert als geplant (McKinsey / Universität Oxford 2012). Bei Großprojekten allgemein überschreiten 9 von 10 Kosten und Zeit (Flyvbjerg, Oxford Global Projects). Die Standish Group misst für 2020 nur 31 % erfolgreiche Projekte, 50 % gelten als „challenged" (Standish Group, CHAOS 2020).
Die Ursache ist nicht mangelnde Erfahrung. Kahneman und Tversky haben 1979 gezeigt, dass Dauer und Kosten systematisch unterschätzt werden, auch von Fachleuten mit voller Sachkenntnis (Kahneman & Tversky 1979). Der Fehler ist nicht zufällig verteilt. Er zeigt in eine Richtung.
Der Unterschied zwischen Organisationen ist dennoch groß. PMI unterscheidet „Champions" mit 92 % erfolgreichen Projekten von „Underperformern" mit 32 % (PMI, Pulse of the Profession 2018). Bei gescheiterten Projekten verlieren „PMTQ Innovators" 8,5 % des Budgets, „Laggards" 16,3 % (PMI, Pulse of the Profession 2019). Der Faktor zwischen beiden Gruppen ist knapp zwei, bei gleicher Projektart. Budgettreue ist also kein Branchenschicksal.
Ein weiterer Befund erklärt, warum Gegensteuerung so spät kommt: Nur 42 % der Unternehmen erkennen veraltende Pläne unmittelbar (techconsult, Project Performance Index). In der Mehrheit der Fälle steuert der Projektleiter also über Wochen gegen ein Modell, das nicht mehr gilt.
Warum entsteht die Lücke strukturell?
Fünf Mechanismen wirken zusammen. Jeder für sich erklärt eine einstellige Prozentzahl. Zusammen erklären sie die Marge.
Warum wird kalkuliert, wenn das Wissen am geringsten ist?
Der Preis steht im Angebot. Das Angebot entsteht vor der Konstruktion. Zum Zeitpunkt der Kalkulation sind Schnittstellen zur Kundenanlage unklar, Taktzeiten grob, Toleranzen nicht durchgerechnet, die Steuerungsarchitektur eine Annahme.
Die Kalkulation arbeitet deshalb mit Analogien: „ähnlich der Anlage für Kunde X, plus 20 % für die zusätzliche Station". Diese Analogie ist der beste verfügbare Schätzer und gleichzeitig der Punkt, an dem die Planning Fallacy angreift. Die Erinnerung an das Vorgängerprojekt ist die Erinnerung an den Plan, nicht an den Ist-Verlauf, weil der Ist-Verlauf selten in vergleichbaren Kennzahlen vorliegt.
Nach Auftragseingang wird diese Zahl nicht mehr geprüft. Sie wird zum Budget. Der Wechsel von „Preis, um den Auftrag zu gewinnen" zu „Budget, das die Konstruktion einhalten muss" passiert ohne Entscheidung und ohne Dokument.
Warum werden Nachträge zu Kulanz?
Im Sondermaschinenbau ist der Kunde technischer Partner. Änderungen kommen aus der Designabnahme, der Schnittstellenklärung und dem Taktzeitnachweis. Die meisten davon sind technisch sinnvoll.
Nachtragsfähig sind sie trotzdem nur, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Die Änderung ist gegen einen definierten Ausgangsstand belegbar, der Aufwand ist beziffert, und die Bewertung liegt vor der Umsetzung. Fällt eine der drei Bedingungen weg, wird aus dem Nachtrag Kulanz.
Im Alltag fällt regelmäßig die dritte weg. Der Konstrukteur setzt um, weil der Termin drängt. Die Aufwandsermittlung folgt Wochen später, wenn die Arbeit erledigt ist. Ein Nachtrag über bereits geleistete Arbeit ist gegenüber dem Kunden kaum durchsetzbar, nicht aus rechtlichen Gründen, sondern weil die Verhandlungsposition weg ist.
Warum laufen Stundenkonten in der Konstruktion still über?
Die Konstruktion arbeitet auf Sammelkonten: „Mechanik Projekt 4711", „Elektrokonstruktion Projekt 4711". Gebucht wird pro Tag, ausgewertet pro Monat. Eine Zuordnung zu Baugruppe, Änderungsvorgang oder Nacharbeit existiert nicht.
Damit ist die Überschreitung erst sichtbar, wenn das Konto insgesamt überzogen ist, also typischerweise bei 70 bis 90 % Fertigstellungsgrad. Zu diesem Zeitpunkt sind die Stunden verbraucht und die Ursache nicht mehr rekonstruierbar. Die Frage „Wodurch?" bekommt keine Antwort, weil die Daten sie nie enthalten haben.
Earned Value scheitert an derselben Stelle. Wird der Fortschritt über verbrauchte Stunden gemessen, bestätigt die Kennzahl nur den Verbrauch. Erst ein technisches Fortschrittsmaß — freigegebene Baugruppen, abgeschlossene Reifegradstufen — macht die Abweichung interpretierbar.
Warum treffen Materialpreisänderungen härter als erwartet?
Zwischen Angebotsabgabe und Bestellung liegen im Sondermaschinenbau 3 bis 9 Monate. Kalkuliert wird zum Preisstand der Angebotsphase, bestellt zu dem der Beschaffungsphase.
Bei einem Materialanteil von 40 bis 55 % am Auftragswert wirkt schon eine Preisbewegung von 6 % über das Zukaufvolumen als voller Prozentpunkt Marge. Gleitklauseln existieren, werden aber im Wettbewerb um Aufträge unter 2 Mio. Euro häufig gestrichen. Die Klausel kostet den Auftrag, die Preisbewegung kostet die Marge, und nur eine der beiden Kosten ist im Moment der Entscheidung sichtbar.
Dazu kommt der Effekt aus Stolperfalle Nummer zwei jedes Projekts: Vorgezogene Bestellungen gegen nicht finale Stücklisten erzeugen Nachbestellungen zu Tagespreisen, ohne Rahmenkonditionen und ohne Mengenbündelung.
Warum kostet die Inbetriebnahme das Doppelte?
Die Inbetriebnahme ist die letzte Phase und damit der Ort, an dem sich jeder Verzug der vorherigen Phasen sammelt. Der Liefertermin steht vertraglich fest. Der Aufwand für die Inbetriebnahme steht nirgends fest.
Die Folge: Die kalkulierten Wochen werden im Plan gekürzt, aber nicht in der Realität. Der Ausgleich läuft über Überstunden, Wochenendarbeit, zusätzliche Monteure und verlängerte Reisezeiten. Das ist die teuerste Stundenart im Projekt, häufig mit Zuschlägen von 25 bis 50 % auf den Normalsatz, plus Reise- und Übernachtungskosten pro Kopf und Tag.
Eine Inbetriebnahme, die statt 4 Wochen mit drei Personen 8 Wochen mit vier Personen läuft, kostet nicht das Doppelte. Sie kostet ein Vielfaches, weil Kopfzahl, Dauer und Zuschlagssatz gleichzeitig steigen.
Warum fehlt die Plan-Ist-Kopplung genau dort, wo sie zählt?
Alle fünf Mechanismen wären beherrschbar, wenn Plan und Ist im selben Datenmodell lägen. Das ist praktisch nie der Fall. Der Termin liegt im PM-Tool, die Stunde im ERP, die Stückliste im PLM, die Kundenänderung im Protokoll, der Nachtrag in einer Excel-Datei beim Projektleiter.
Die Verknüpfung stellt ein Mensch her, monatlich, per Hand. 55 % der Manager verbringen mindestens 8 Stunden pro Woche mit administrativen Aufgaben (Formstack, State of Workflow Automation 2018), Wissensarbeiter 19 % ihrer Zeit mit Informationssuche (McKinsey Global Institute, The social economy 2012). Diese Zeit ist die Kopplung. Sie ist langsam, sie ist monatlich, und sie liefert eine Summe statt einer Ursache.
Wo entsteht die Abweichung, in welcher Phase und in welcher Höhe?
Die folgende Tabelle ist ein konstruiertes Szenario für ein Projekt mit 2,0 Mio. Euro Auftragswert und 10 % kalkulierter Marge. Sie zeigt keine erhobenen Branchenwerte, sondern eine plausible Verteilung, wie sie in Nachkalkulationen auftritt. Nutzen Sie sie als Struktur für die eigene Auswertung, nicht als Benchmark.
Phase | Kalkuliert | Ist (Szenario) | Abweichung | Wann sichtbar |
|---|---|---|---|---|
Angebot / Konzept | 60.000 € | 72.000 € | +12.000 € | sofort |
Konstruktion mechanisch | 310.000 € | 366.000 € | +56.000 € | ab 70 % Fertigstellung |
Konstruktion elektrisch / Software | 240.000 € | 281.000 € | +41.000 € | ab 70 % Fertigstellung |
Material / Zukauf | 880.000 € | 931.000 € | +51.000 € | bei Bestellung |
Fertigung / Montage | 230.000 € | 244.000 € | +14.000 € | laufend |
Inbetriebnahme / FAT / SAT | 80.000 € | 163.000 € | +83.000 € | in der Phase selbst |
Summe Kosten | 1.800.000 € | 2.057.000 € | +257.000 € | — |
Szenario, konstruiert. Marge kalkuliert 200.000 € (10 %), Ergebnis −57.000 € (−2,9 %).
Zwei Muster sind hier wichtiger als die Zahlen selbst. Erstens: Die größte absolute Abweichung entsteht in der kleinsten Budgetposition. Die Inbetriebnahme trägt 4,4 % des kalkulierten Budgets und 32 % der Abweichung. Zweitens: Die Spalte „Wann sichtbar" korreliert mit der Abweichungshöhe. Was spät sichtbar wird, wird groß.
Wie koppeln Sie Plan und Ist, ohne das Projekt zu bürokratisieren?
Sechs Schritte. Alle sind ohne neue Organisationsstruktur umsetzbar und liefern nach zwei bis vier Projekten belastbare Werte.
- Trennen Sie Preis und Budget schriftlich. Nach Auftragseingang erstellt die Projektleitung eine eigene Aufwandsschätzung. Die Differenz zur Kalkulation wird als Zahl festgehalten und von der Geschäftsführung freigegeben oder gedeckt. Ein Projekt, das mit dokumentierten −40.000 Euro startet, ist steuerbar. Eines, das es verdeckt tut, nicht.
- Buchen Sie Stunden auf Baugruppe und Anlass. Statt „Mechanik 4711" gilt „Mechanik 4711 / Baugruppe Zuführung / Ursprungskonstruktion" versus „… / Änderung ECR-014". Der Erfassungsaufwand steigt um Sekunden pro Buchung. Die Auswertbarkeit ändert sich vollständig.
- Setzen Sie eine Änderungsschwelle. Ab einem definierten Wert von etwa 8 Stunden oder 1.000 Euro löst jede Kundenänderung ein ECR aus, mit Bewertung vor der Umsetzung. Unterhalb läuft eine Sammelposition, die monatlich mit dem Kunden abgeglichen wird.
- Messen Sie Fortschritt technisch. Der Fertigstellungsgrad einer Konstruktionsphase ergibt sich aus freigegebenen Baugruppen gegen geplante, nicht aus verbrauchten Stunden gegen geplante. Erst dann zeigt Earned Value eine Abweichung statt eines Verbrauchs.
- Kalkulieren Sie Material mit Stichtag und Gültigkeit. Jede Materialposition bekommt Preisstand und Gültigkeitsdatum. Läuft die Gültigkeit vor dem geplanten Bestelldatum ab, ist das eine Risikoposition mit beziffertem Betrag, kein Restrisiko.
- Planen Sie die Inbetriebnahme aus Kennzahlen. Stunden pro Achse, pro Station, pro Schnittstelle — erhoben aus den letzten Projekten. Eine Inbetriebnahme, die aus 14 Stationen mit erfahrungsgemäß 22 Stunden je Station besteht, ist verteidigbar. Eine mit „4 Wochen wie immer" nicht.
Der entscheidende Punkt liegt in Schritt 2 und 6: Beide erzeugen Kennzahlen, die in die nächste Kalkulation zurückfließen. Ohne diesen Rückfluss verbessert sich die Schätzgüte nie, egal wie viele Projekte abgewickelt werden.
Praxisbeispiel: Anlagenbauer, 190 Mitarbeiter, Umstellung über vier Projekte
Ein Hersteller von Prüf- und Montageanlagen mit 190 Mitarbeitern und 34 Mio. Euro Umsatz stellt fest, dass die Nachkalkulation über zwei Jahre im Mittel 6,5 Prozentpunkte unter der kalkulierten Marge liegt. Die Projektleiter nennen jeweils andere Gründe.
Das Unternehmen ändert drei Dinge. Stundenbuchung auf Baugruppe und Anlass. ECR-Pflicht ab 1.000 Euro Wirkung. Inbetriebnahmeplanung aus Ist-Werten der Vorprojekte statt aus Pauschalen.
Nach vier abgeschlossenen Projekten liegen Zahlen vor. Der Anteil der Konstruktionsstunden, die auf Änderungen nach Designabnahme entfallen, beträgt 14 %, nicht die angenommenen 5 %. Die Inbetriebnahme liegt im Mittel bei 1,9-facher Plandauer. Beide Werte waren vorher nicht bekannt, weil sie nie getrennt erfasst wurden.
Die Konsequenz ist kalkulatorisch. Im fünften Projekt, Auftragswert 2,1 Mio. Euro, werden 12 % Änderungsanteil in der Konstruktion und 1,6-fache Inbetriebnahmedauer eingeplant. Der Preis steigt um 4,8 %. Der Auftrag kommt trotzdem. Die Nachkalkulation zeigt am Ende +1,2 Prozentpunkte gegenüber Plan statt der bisherigen −6,5.
Von den 22 Kundenänderungen im fünften Projekt lösen 9 ein ECR aus. 6 davon werden als Nachtrag abgerechnet, zusammen 41.000 Euro. In den Vorprojekten wären alle 22 als Kulanz gelaufen.
Fazit
Die Budgetlücke im Sondermaschinenbau entsteht nicht durch schlechte Ausführung, sondern durch eine Kalkulation, die nie gegen die Realität geprüft wird, und durch Ist-Daten, die zu grob sind, um eine Ursache zu benennen. Wer Stunden nach Anlass erfasst und Änderungen vor der Umsetzung bewertet, verliert kein Projekt weniger, aber er verliert weniger pro Projekt und kalkuliert das nächste mit echten Zahlen. Der Unterschied zwischen 8,5 % und 16,3 % Budgetverlust bei gescheiterten Projekten (PMI, Pulse of the Profession 2019) ist genau dieser Unterschied.
[^1]: [interne Ableitung aus PMI/Standish, Beleg ergänzen]
Weiterführend: Projektmanagement im Sondermaschinenbau: die 5 typischen Stolperfallen · Der Plan ist Wunschdenken: Warum Projektpläne bei geringstem Wissen entstehen
Mehr zu Projektmanagement für technisch komplexe Projekte: Aligia



